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Gedenken und Gedanken anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, den 15.11.2020

Gedenken und Gedanken anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag, den 15.11.2020
 
Liebe Einwohnerinnen und Einwohner,
 
aufgrund der derzeitigen Lage um die Corona-Pandemie kann die diesjährige Gedenkfeier auf dem Winterbacher Friedhof leider nicht stattfinden.
 
Dennoch ist es mir persönlich sowie auch dem Gemeinderat sehr wichtig, einige Worte des Gedenkens hinsichtlich der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen, insbesondere jedoch der schlimmsten Zeiten deutscher Geschichte, der beiden Weltkriege und der Nazidiktatur an die Einwohnerschaft zu richten, auch wenn es in diesem Jahr leider nicht persönlich, sondern lediglich schriftlich erfolgen kann.
 
Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist 75 Jahre her. Für uns Heutige hat der Krieg einen festen Rahmen aus Jahreszahlen, er dauerte von 1939 bis 1945. Aus dem Rückblick ergibt das die beruhigende Gewissheit:
Zwischen diesen beiden Daten, in diesem zeithistorischen Kasten steckt der Krieg. Danach kam der Frieden, in dem wir, zumal in den westlichen Demokratien, relativ gut leben. Doch damals, im Inneren des Kastens, kannte niemand dessen Dimension. Er war eine Black Box. Der Weltkrieg tobte global, sein letzter Tag lag im Irgendwann einer verhüllten Zukunft. Am 9. September 1942 notierte Thomas Mann im kalifornischen Exil in sein Tagebuch zu einem Gedankenaustausch mit seiner Tochter: „Gespräch mit Erika über den Zustand Europas nach dem Kriege und die unvorstellbare Rolle Deutschlands.“ Um die Zeit schrieb der deutsche Nobelpreisträger für Literatur an seinem Josephsroman, und er verfolgte, wie so viele, täglich verzweifelt die Nachrichten. Kaum ein Blatt im Tagebuch, ohne dass Stalingrad erwähnt wird, die Judenverfolgung, der Bombenkrieg, die Hoffnung beim Hören der Reden von Churchill oder Roosevelt. Hunderttausende Emigranten, Verfolgte und Inhaftierte spekulierten: Geht es noch ein Jahr? Oder viel länger? Vielleicht ist es im Winter vorbei? Millionen Menschen in der gesamten zivilisierten Welt hofften auf ein Kriegsende. Die Erlösung kam, und wer damals jung war, hat sie miterlebt. So konnte man zum Beispiel im Frühsommer 1945 Blumen pflücken, ganz ohne die übliche Angst vor Tieffliegern, die jederzeit auftauchen und feuern könnten. Beim Blick in den Himmel wurde einem dabei urplötzlich klar: Ja, der Krieg ist aus! Jahrelang hatten Alarmsirenen und Luftschutzkeller zum Alltag gehört, Panik und Todesängste. Das war vorüber. Doch um die Blumenwiese herum lag ganz Deutschland, ganz Europa in Trümmern. Alliierte Soldaten bargen jüdische Überlebende aus den Lagern. Millionen deutscher Familien wussten nicht, ob ihre Väter, Söhne und Brüder zurückkehren würden, Bretterzäune hingen voll mit Suchmeldungen des Roten Kreuzes. In den Straßen sah man Kriegsversehrte und Flüchtlinge, Kinder hatten Unterricht in Behelfsbaracken. Aber die Bomber dröhnten nicht mehr durch die Nacht, und in Europa endete die Menschenjagd der Nationalsozialisten, endete ihre gezielte Sabotage jeglicher Menschlichkeit. „Kriegsende“ ist ein tröstliches Wort. Der Krieg ist also an sein Ende gekommen, fast als sei er eine Art Jahreszeit gewesen. Wie ein Naturereignis beschreibt unsere Sprache ja auch seinen Anfang: „Der Krieg bricht aus“, heißt es. So verkleidet Sprache, was alle besser wissen: Kein Krieg bricht aus wie ein Vulkan oder ein Fieber. Menschen hatten den Krieg verantwortet, und die Kapitulation des „Dritten Reichs“ war Voraussetzung für den Aufbruch in eine Neuordnung unter den Leitsternen Demokratie und Menschenrecht.
 
Mit der sogenannten „Stunde Null“ begann das Forträumen des Schutts. Städte erstanden auf, während alliierte Finanzhilfe und Aufbaueifer die Bundesrepublik aus den Ruinenfeldern ins Wirtschaftswunder bugsierten. Der Kasten, in dem der Krieg gesteckt hatte, bekam mit dem Mai 1945 seinen Datumsdeckel, und viele Deutsche hätten den Kasten gern zugenagelt, um den moralischen Bankrott der Gesellschaft darin zu begraben, so wie man die Toten begraben hatte. Aber authentischer Frieden verlangt nach Wahrheit, denn menschliche Seelen kennen keine „Stunde Null“.
Nein: Die Seele muss ihr Handeln und Erleben erkennen und verarbeiten. Deshalb wurde der Deckel des Kastens nicht zugeschlagen, sondern angehoben. Und je mehr Licht in den Kasten fiel, desto größeres Grauen kam zum Vorschein, zunächst mit den Nürnberger Prozessen. Der Zivilisationsbruch des Holocaust hatte die Gattung verraten; er hatte Gott denunziert, klagten andere, wieder andere verloren ihren Glauben. „Gott war immer da“, sagte der Londoner Rabbiner Lionel Blue einmal über Auschwitz: „Aber die Menschen waren nicht da.“ Das heißt: Die Täter hatten ihre Menschlichkeit verloren. Die Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich diagnostizierten der Nachkriegsbevölkerung eine „Unfähigkeit zu trauern“. Zu trauern, nicht um die sechs Millionen jüdischen Ermordeten, so viel erwarteten die Autoren gar nicht, sondern um die entlarvten Idole des Nationalsozialismus, von denen sie sich nicht vollends verabschieden wollten.
Der Weg zum Abschied war weit. Erschütterung durch Schuld und Traumata lässt sich nicht fortschaffen wie Trümmer aus Stein. Die Psyche braucht Zeit, sich ihren Weg durch Widerstände zu bahnen, und in den meisten deutschen Familien
schwelten Scham, Angst und Verdrängung. Nach und nach erfuhren Kinder und Jugendliche, oft nur durch aufgeschnappte Worte, was Erwachsene angerichtet hatten, sogar die Eltern, denen man vertraute. Wo sollte die Jugend Vorbilder finden, wie sie dringend gebraucht wurden? Allenfalls bei fernen Helden wie dem Tropenarzt Albert Schweitzer, der in Zentralafrika sein Hospital von Lambarene unterhielt, das Schwarze ebenso aufnahm wie verwaiste Tiere. Lambarene wurde zum fiktiven Kurort für die Seele von Millionen deutscher Kinder im Dschungel der Nachkriegszeit. Die Älteren zu konfrontieren, blieb lange ein Tabu. „Wie konnte das geschehen“ „Warum habt ihr das zugelassen“ Zu solchen Fragen besaß erst die nächste Nachkriegsgeneration den Mut, die der Rebellen in den 1960er Jahren. Sie skandierten das laute Echo auf die bald nach 1945 entstandene Devise: „Nie wieder Krieg!“ Inzwischen sind, vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, eingegrenztere Kriege auf den furchtbaren Zweiten Weltkrieg gefolgt, in Korea, Algerien, Vietnam und Kambodscha, in Jugoslawien – und heute in Syrien, in der Ukraine, in Libyen, im Yemen. „Wie konnte das geschehen“ „Warum habt ihr das zugelassen“ So werden Leute, die heute Kinder sind, später einmal mit Recht fragen. Die Zuschauer wie die Schuldigen werden dann wieder versuchen zu verdrängen, zu bagatellisieren, zu vertuschen, den Kasten zuzunageln. Doch die Weltgemeinschaft lernt, und es wird wahrscheinlich mehr und schneller Antworten geben als zuvor in der Geschichte. Internationales Strafrecht hat seit den Nürnberger Prozessen enorme Fortschritte gemacht. Allem Populismus zum Trotz existieren mehr Demokratien als je zuvor, und auf die Charta der Menschenrechte der Vereinten Nationen berufen sich Milliarden Menschen, wenngleich die Charta, gemessen an der Geschichte der Gattung, noch unglaublich jung ist, gewissermaßen gerade einmal in der Kinderkrippe. Wie stark weltweite Anstrengung für menschliche Zwecke wirken kann, das beweisen uns in diesem Jahr die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Corona-Krise. Das Virus ist kein Feind, es ist nichts als ein genetisches Programmpartikel, das sich vermehrt. Ganz gleich, was egoistische Regierungen und Konzerne treiben: Auf allen Kontinenten werden Erkenntnisse ausgetauscht, freut man sich an Fortschritten und sucht nach Impfung und Heilung, unterstützt von Leuten, die für das Allgemeinwohl geben. Die Menschheit kann sich selbst der ärgste Feind sein, wie in der von Deutschland initiierten Barbarei zwischen 1933 und 1945. Die Menschheit kann aber auch zur Freundschaft mit sich selber finden, sich mit sich selber anfreunden. Vielleicht gibt auch und gerade die Corona-Pandemie uns dazu jetzt eine Riesenchance.
 
Wir werden eine stille Kranzniederlegung auf dem Winterbacher Friedhof vornehmen, so dass die Einwohnerschaft ebenfalls die Gelegenheit hat, im Rahmen Ihrer Möglichkeiten in aller Stille zu gedenken.
 
Auch in Trauer und Gedenken an die Gefallenen und Vermissten unserer Gemeinde von 1939 – 1945 und vom 1. Weltkrieg verbleibe ich abschließend in stillen Gedanken
 
Ihr

Sven Müller
Bürgermeister